Der ausgestreckte Mittelfinger

Liebes Internet, ich habe eine Frage… Hilf mir doch bitte mal.

Kann man einen Blogpost so anfangen? Ich versuch’s einfach 😉

Ich grüble schon eine ganze Weile über eine Frage, die mir keine Ruhe lässt und die man zusammenfassen könnte mit “Bin ich vielleicht einfach nur zu Deutsch?”

Du schaust verwirrt. Versteh’ ich. Ich versuche das mal zu beschreiben…

Ich sehe mich als Fotograf im Wachstum und wer meine beiden Instagramm-Accounts hier und hier genau anschaut, wird feststellen, dass ich zwar im Grunde in fast jedem Genre mal fotografiere aber ganz besonders der sogenannten Street Photography zugeneigt bin.

Dieses Genre der Fotografie macht genau das was der Name suggeriert: Im öffentlichen Raum (“auf der Straße”) fotografieren. Manche legen da den Schwerpunkt auf Licht und Schatten, andere lieben Architektur aber im Grunde geht es hauptsächlich um den Menschen und für die meisten Fotografen des Genres dreht sich alles darum das unverfälschte Leben auf der Straße einzufangen.

Im Ergebnis ist das Genre damit immer auch eine Dokumentation, manchmal journalistische Arbeit und gar nicht mal selten auch eine kritische Auseinandersetzung mit der Gesellschaft die wir vorfinden. Besonders wichtig ist dabei den Fotografen dieser Richtung die Authentizität des Moments. Es verbietet sich einzugreifen, gestellte Bilder ohne entsprechende Kenntlichmachung gehen gar nicht und im Idealfall streben viele Fotografen an auch gar nicht bemerkt zu werden um nur ja nichts zu stören.

Und falls Du jetzt beim Lesen ein ungutes Gefühl bekommen hast und Dich vielleicht schon fragst “wie bitte, es soll in Ordnung sein, Leute einfach so, quasi heimlich, zu fotografieren?”, dann kratzen wir vielleicht sogar schon an meiner eigentlichen Frage… Denn in den meisten Ländern ist es nicht nur legal (übrigens auch in Deutschland) sondern meist auch gar kein Problem für die Leute. Wir in Deutschland haben allerdings den Ruf da irgendwie empfindlicher zu sein und mancher meint gar es wäre illegal gegen den eigenen Willen fotografiert zu werden… (ist es nicht, zumindest nicht pauschal und generell)

Egal wie man das sieht. Ich hatte besonders mit letzterem Punkt nie ein Problem. Werde ich von Leuten auf meine Fotografierei angesprochen zeige ich in der Regel einfach das Bild, das ich gemacht habe und erkläre was meine Absicht damit ist. Meist kann man die Leute eh nicht erkennen, aber das ist gar nicht der Punkt. Oft sind die Leute halt vorsichtig und wollen wissen warum sie eben aufgenommen wurden. Ich finde das ist ein völlig legitimer Wunsch. Inzwischen habe ich deswegen fast immer ein kleines Heft mit Beispielfotos dabei und natürlich kann man das eben gemachte Foto auch gerne von mir bekommen. Menschen in verwundbaren Situationen fotografiere ich sowieso aus Prinzip nicht und sollte jemand verlangen, dass ich das Bild lösche – ich würde es einfach tun. Allerdings kam das tatsächlich bisher noch nicht vor, spätestens beim Blick ins Heft war eigentlich immer alles geklärt.

So wie mir geht es nicht jedem/r und so ist es in einschlägigen Foren eine Art FAQ wie man sich denn im Falle des Falles verhalten sollte. Meine Herangehensweise könnte man als “Don’t be a dick, respect the wish of the person you photographed” umschreiben. Manch einer meint dann aber, dass es schließlich in vielen Ländern gutes Recht der Fotografen sei zu fotografieren was sie wollten und das auch zu behalten. Aufgegebene Rechte wären verlorene Rechte… Und ich – so der Vorwurf – wäre einfach nur zu Deutsch. Überhaupt wären wir Deutsche zu empfindlich…

Manch einer hängt an, der Wunsch der Leute nicht publiziert zu werden ginge ja vielleicht noch klar aber löschen – Niemals!
Ich persönlich würde bei jedem Bild immer noch die Frage abwägen ob dieser Shot pulizerpreis-verdächtig wäre und solange das nicht der Fall ist – naja – mir wäre es lieber jemandem Respekt zu zollen als mein Recht zu ertrotzen… Bisher hatte ich noch keinen preisverdächtigen Shot. Vielleicht schaffe ich das in den nächsten 1-2 Millionen Bildern mal 😉

Aber trotzdem frage ich mich schon jetzt an dieser Stelle: Haben die eigentlich Recht und ich bin vielleicht einfach nur typisch Deutsch weil ich mir da überhaupt so viele Gedanken mache?

Aber selbst wenn… so what… Eigentlich spielt das für meine Frage noch nicht die Hauptrolle, denn es gibt noch eine Steigerung und um die geht es mir eigentlich wirklich. Die Frage also: Selbst wenn ich oben alles mitgehe und mir denke. “Egal. Ich darf und ich werde Dein Bild machen und ich werde es vielleicht auch einfach veröffentlichen. Es ist Kunst, Kunst darf das und ich übe ein Recht aus…” Selbst dann finde ich es falsch wenn Leute ein Bild mit dieser Geste veröffentlichen sofern nicht erkennbar Ironie im Spiel war oder klar wird, dass nach gemachten Foto eine Erlaubnis erteilt wurde:

(Besitzer des Fingers ist mir persönlich bekannt und stimmt der Veröffentlichung zu)

Und genau das scheint nicht Konsens zu sein. Auf Instagram tauchen solche Shots unter einschlägigen Hashtags regelmäßig auf und scheinen ganz besonders viele Fans zu haben. Meist sind diese Bilder ungewöhnlich oft kommentiert und räumen mehr Likes ab als andere. Die Emotionalität solcher Bilder ist meist einfach ausgeprägter als bei anderen und vermutlich wird der Fotograf / die Fotografin für den vermuteten Mut das Bild trotzdem zu veröffentlichen offen bewundert… Manche/r schreibt jedenfalls, dass so ein Bild noch auf der persönlichen Bucketlist stünde und alle freuen sich.

Tja und ich bin dann gerne der eine (Deutsche?), der dort dann reinplatzt und einfach mal fragt ob die Person mit der Veröffentlichung einverstanden war… Um es gleich vorwegzunehmen – diese Frage zieht IMMER eine Erklärung von irgendjemand nach sich warum dieses Bild völlig legitim sei. Manche Instagramm Persönlichkeit blockt mich auch einfach weil ich mich einer solchen Frage erdreiste. Meine Logik und Antwort ist im Falle eines Austauschs aber immer dieselbe:

  1. die Person auf dem Bild fand es augenscheinlich nicht gut fotografiert zu werden. Ja, vielleicht ist das Bild dadurch stärker, aber…
  2. … hätte man die Person gefragt ob es denn in Ordnung geht, dass der Schnappschuss jetzt auf Instagram online geht, sie hätte ziemlich wahrscheinlich abgelehnt. (wilde Vermutung meinerseits, abgeleitet vom erhobenen Mittelfinger während der Aufnahme 🙂 )
  3. Für mich ist es eine Frage des Respekts Menschen nicht auszunutzen (Mittelfingerfoto! Likes! Yey!) und – noch einen Schritt weiter – ihre Wünsche ihr eigenes Bild betreffend zu respektieren. Wie oben erwähnt – ich würde womöglich eine Ausnahme im Falle von pulitzerpreisverdächtigen oder journalistisch relevanten Aufnahmen machen. (Landen morgen Außerirdische in meiner Straße, ich mache als einziger EIN Foto davon und Du stehst davor mit erhobenen Mittelfinger -> Sorry, das wäre mir dann egal. )

Bei Punkt (1) verstehe ich vielleicht noch, dass mancher das Bild nicht löschen sondern für sich selbst behalten will und auf dieses Recht pocht. Eventuell lasse ich mir auch noch eingehen wenn jemand ein solches Bild in einem Projekt mit künstlerischen Anspruch unterbringt (Gallerie mit 3×3 Meter-Prints von erhobenen Mittelfingern in Deutschen Fußgängerzonen?).

Aber erstens ist ein Instagram-Feed (Achtung, Freunde, harte Wahrheit) im Normalfall keine Kunst sondern der von Facebook betriebene Dopamin-Automat mit Werbeeinspielung und zweitens finde ich es widerlich wenn Menschen praktisch doppelt vorgeführt werden.

Gerade in einem gefühlt recht häufigen Fall, wenn nämlich Bilder von Frauen mit erhobenen Mittelfinger und von Männern gepostet werden bin ich dann obendrein auch schnell Gefangener eines Stereotyps: Es mag gut sein, dass der Fotograf eine starke Frau und ein originelles emotionales Foto sieht. Ich aber sehe in diesen Fällen auch eine Frau die sogar gleich zweimal “Nein!” sagt und einen Typen, der unter Gejohle einer virtuellen Instagram-Crowd beschließt das Recht zu haben genau dieses “Nein!” gleich doppelt zu ignorieren und finde das einfach mal spontan zum Kotzen.

Ich bin mir ja bewusst, dass speziell letzterer Punkt die Sache vielleicht auch etwas überzeichnet und die Dynamik vielleicht nur in meinem Kopf existiert, trotzdem ist das genau die Assoziation, die mir regelmäßig ins Hirn poppt wenn speziell dieser Fall durch meinen Feed rauscht.

Und jetzt also meine Frage, Internet: Bin ich in dieser Einschätzung Gefangener meiner Deutschen Sozialisierung? Sehe ich das zu eng? Wie siehst Du das? Internet, do your thing…

4 Antworten auf „Der ausgestreckte Mittelfinger“

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