Drei Anekdoten, ein Thema:

#1 Neulich habe ich an meinem ersten Fotoworkshop teilgenommen. Es ging um Street Photography und wir zogen durch Frankfurt um Fotos aufzunehmen. Im Bahnhofsviertel nun stand eine farbenforhe Couch auf der Straße und wenig überraschend umschwärmten wir die wie ein Bienenschwarm. Mitten ins Getümmel kam ein türkisch aussehender Vater mit Teenagertochter und Anfangzwanzigersohn und setzte sich. Während die Tochter munter fotobombte bemerkte der Vater zunächst nicht, dass er mitten in der “Fotozone” saß. Ich versuchte Blickkontakt aufzunehmen und ihm meine Kamera zu zeigen was aber erst gelang als er die anderen gesehen hatte und aus dem Bild gehen wollte. Augenscheinlich war es ihm egal fotografiert zu werden, er wollte eigentlich nur nicht im Weg sein und kam gar nicht auf den Gedanken evtl. auch Fotomodel zu sein… Ich lächelte ihn an und zeigte auf die Couch in der Hoffnung ich drüfte ihn fotografieren, aber wir verstanden uns nicht und der Moment war zu schnell vorbei. Sein Sohn aber hatte verstanden und als Vater mit Tochter weiter zogen beschloss er mich anzumotzen. “Ey, was fotografierst Du hier? Leute fotografierst Du nicht mehr, verstehst Du!”. Naja, ich hatte ja noch niemanden fotografiert und zeigte ihm das auch, aber das interessierte ihn nicht. Schimpfend stapfte er seiner Familie hinterher und lies mich stehen.

#2 Auch in Frankfurt… Ich lief durch die Straßen und machte allerlei Fotos. Eines davon war ein wirklich interessant aussehender Ballonverkäufer, der gedankenverloren auf der Zeil stand. Abends zeige ich die Bilder meiner Familie und mein Jüngster platzt raus “Den erkennt man, das darfst Du doch gar nicht!”

#3 war auf Instagram und ist auch der Anlass hier zu schreiben. Ich folge einigen Hashtags um Ideen für Fotos zu sammeln. Weil ich mich für Street interessiere spült es so manche Streetportraits in meine Timeline und da kam heute ein Schnappschuss vorbei in dem der Fotograf eine junge Frau durch eine Fensterscheibe fotografierte. Die Dame hatte ihn eindeutig wahrgenommen, der direkte Blick und der erhobene Mittelfinger waren da eindeutig. Alles in allem ein schönes Bild aber eben auch ein dokumentiertes “Fuck you!” an den Fotografen. Unter dem Bild fand sich ein Strom von Lobhudeleien und über 1000 Likes. Ich hingegen sah mir das an und sah ein Bild in dem eine Frau “Nein!” gesagt hatte und der Fotograf nicht nur beschloss das Bild zu behalten (hätte ich vielleicht auch getan) sondern eins drauf setzte und das Bild veröffentlichte. Ich nehme an eine Person, die dem Foto widerspricht würde einer Veröffentlichung auf Instagram vermutlich auch kritisch gegenüber stehen? Der Fotograf hat sich als gleich über zwei Grenzen hinweggesetzt. Mein entsprechender Kommentar wurde mit “Kindly don’t project your morales onto others” quittiert und eine Diskussion unter dem Bild geht sogar der Frage nach warum die Leute glaubten sie hätten ein Recht darauf nicht fotografiert zu werden…

Inzwischen habe ich mich schlau gemacht. Die Wahrheit ist: In fast allen Ländern dieser Welt darf man auf öffentlichen Grund fotografieren wen oder was man will. Ohne Einschränkung. Ja, sogar in Deutschland.
Sobald ich veröffentliche sollte ich aber entweder die Einwilligung haben, ein Bild von öffentlichem Interesse oder glaubwürdig Kunst produziert haben. In den letzten beiden Fällen darf ich unter Umständen sogar ohne Einwilligung veröffentlichen. Es gibt hier also eine Abwägung zwischen Kunst, öffentlichen Interesse und Persönlichkeitsrecht die immer wieder zu treffen ist.

In dem Zusammenhang freute mich übrigens die Reaktion meines Sohns besonders… Das heißt wohl die Generation SocialMedia hat mehr Gefühl für die möglichen Grenzen anderer als wir zu hoffen wagten…

Besonders der Instagram-Fall aber gibt mir zu denken. Man könnte jetzt sagen der Fotograf hat Kunst geschaffen und dokumentiert Emotion auf der Straße. Ein Blick auf das Bild zeigt aber, dass es kein sonderlich spezielles Bild ist. Ähnliches habe ich schon zigmal gesehen, der Rest der Bilder sind zwar alle Street aber nicht speziell auf solche Bilder abzielend und ganz allgemein finde ich es weit hergeholt so einen Schnappschuss für sich stehend als Kunst zu bezeichnen.

Und hier bin ich nun. Ich selbst würde das Bild evtl. löschen, auf keinen Fall aber veröffentlichen. Ich mache auch Fotos von Leuten, aber die meisten Leute habe ich vorher oder hinterher um Erlaubnis gebeten, insbesondere wenn ich sie ins Internet stellen will. Vermutlich würde ich sogar noch einen Unterschied zwischen Internet-Likesammelpost und angemessener Präsentation in einer Galerie machen… Wäre die Frau in einem hochwertigen Umfeld präsentiert worden, ich sähe den Kunstaspekt vielleicht wieder im Vordergrund. So aber grummelt in mir gerade das Moralempfinden und die Frage ob ich einfach nur gerade in meinem Europäisch-Sein gefangen bin und der eigentliche Unterschied der zwischen Amerikanischem und Deutschem Moralempfinden?

Wie seht ihr das? Ich würde mich wirklich über ein paar Gedanken anderer dazu freuen…

Kleiner Nachtrag: Der Fotograf hat mich jetzt geblockt. Schade eigentlich. Ich hatte ihn nicht frontal angegangen sondern nur angemerkt, dass ich selbst von einer Veröffentlichung abgesehen hätte. Jemand anders antwortete mir dann, dass er vielleicht ja das Model kannte und ich verwies auf einen Post in dem er selbst geschrieben hatte, dass er einfach gelacht hätte und weitergezogen war. Wenigstens erklärt sich so wie es zu einem 100% positiven Feedback-Strom auf Insta kommt 😉