Digital, analog und zurück

Ich bearbeite alle meine Bilder und damit bin ich in guter Gesellschaft. Ein großer Teil der ambitionierteren Fotografen da draußen macht das. Manche begnügen sich dabei vielleicht nur mit einem kurzen Anheben der Sättigung oder schneiden zu, andere konvertieren zu schwarz-weiß oder schärfen nach… Und manche verbringen richtig viel Zeit mit ihren Bildern in Photoshop.

Ich bin irgendwo zwischen den Extremen. Während ich versuche schon in der Kamera ein möglichst gutes Bild zu produzieren, gehört trotzdem die Wahl der richtigen Farben und das Herausarbeiten der Bildstimmung für mich zwingend zum Gesamtprozess. Mein Foto entsteht zuerst in meinem Kopf, wird dann von meiner Kamera eingefangen, aber erst am Computer wird die Arbeit dann richtig freigelegt und interpretiert. Fertig ist es dann sobald es eine wie auch immer geartete Repräsentation gibt, z.B. einen Ausdruck aber auch ein PDF oder vielleicht nur ein Post auf Instagram. Meine Bilder haben eine Reise vor sich und meine Bearbeitung versucht sich der anzunähern.

Beim Print schließt sich dann der Kreis. Aus einem physikalischen (analogen) Geschehen vor der Kamera wird ein physikalisches (analoges) Objekt mit dem man interagieren kann.

Bilder ausschließlich am Bildschirm anzusehen ist einfach nicht dasselbe 😉

Ein Bild wird erst dann zur Fotografie wenn es gedruckt wurde.

Während viele Fotografen versuchen Bilder zu produzieren, die bei 100% Zoom am Bildschirm immer noch maximale Schärfe haben drehe ich gerne als abschließenden Arbeitsschritt “Korn” ins Bild was ja nichts anderes als die simulierte physikalische Struktur von analogen Filmen ist. Andere richten Bilder geradezu religiös rechtwinklig aus und lassen Bilder auf Objektivfehler korrigieren. Ich habe schon absichtlich Objektivverzerrungen in Bilder hineingepackt um meinem Bild ein wenig Perfektion zu nehmen.

Jetzt könnte man daraus schließen, dass ich eigentlich auf der Suche nach der analogen Fotografie wäre und mir vielleicht besser eine Filmkamera zulegen sollte. Aber so einfach ist das nicht. Ich nutze ja gerade die digitalen Wege um aus dieser Datensammlung etwas herauszukitzeln, das erst mal mich und dann später hoffentlich andere berührt. Und ich liebe diese Flexibilität und Vielseitigkeit. Tatsächlich reizt mich analoge Fotografie recht wenig, ich will mit der aktuellen Technik arbeiten. Eine der Stärken moderner Technik ist aber gerade die Möglichkeit, die Ästhetik vorangegangener Verfahren integrieren zu können. Tatsächlich ist sogar die breit akzeptierte Praxis Bilder in Schwarz-Weiß zu konvertieren nichts anderes. Bis in die 60er war nahezu alle Fotografie aus technischen Gründen auf Graustufen beschränkt. Jede(r) Fotograf(in) die ihr Bild da hin konvertiert dreht immer auch ein klein bisschen die Zeit zurück und integriert das Design einer vergangenen Zeit in ein aktuelles Werk. Eine Fotografie ist einfach mehr als ein Abgreifen der Sensordaten moderner Digitalkameras. Sie ist eine Interpretation, lesbar durch die Erfahrungen von knapp 200 Jahren medialer Entwicklung.

Professionelle Bildbearbeitungstools scheinen dieser Beobachtung zuzustimmen. Ich habe diverse Werkzeuge auf meinem Rechner. Exposure X5, Luminar, die Nik Collection, Lightroom… alle haben gemeinsam, dass sie mindestens ein paar, manche auch richtig viele Werkzeuge enthalten um die analoge Darstellung von Bildmaterial zu simulieren. Da gibt es die Möglichkeit Vignetten, eigentlich ein Objektivfehler, in Bilder zu montieren. Man kann Filme simulieren, bis hin zu typischen Farbempfindlichkeiten und Helligkeitskurven. Bei der Schwarzweiß-Bearbeitung lassen sich die Effekte von Objektivfiltern nachbilden…
Manche Software geht sogar noch einen Schritt weiter und bietet analoge Filmränder oder die Möglichkeit Entwicklungsfehler, etwa technische Belichtungsleaks oder chemische Effekte zu simulieren.

Ich habe viele Varianten dieser Szene aber bisher wählte noch jede/r Betrachter/in diese Variante als die Beste aus…

Vor kurzem machte Stefan dessen Fotografie ich offen bewundere (>Webseite, >Instagram) beim Anblick von mir bearbeiteter Bilder eines gemeinsamen Fotowalks eine Bemerkung die mich nachdenklich zurückließ. “Früher habe ich auch Rahmen und künstliche Alterungen auf Bilder gelegt.”

Mich beschäftigte diese Bemerkung. Nicht weil ich sie irgendwie schlimm oder verletzend fand sondern weil ich ernsthaft darüber nachdachte in welchen Situationen ich derartige Bearbeitungen mache und was dann meine Motivationen sind. Stellt sich raus, ich editiere solche Effekte in meine Bilder meist aus einem der folgenden Gründe:

  • Manche Bilder sind einfach zu scharf, zu kontrolliert, zu präzise und verlieren dadurch meiner Meinung nach Charakter. Da reicht oft schon Grain um Abhilfe zu schaffen, aber die Möglichkeiten sind vielfältig.
Das Bild ist auch ohne die Verzerrung schön, hat aber mit den Unschärfen deutlich mehr Charakter.
  • Auch das Gegenteil kann passieren. Vielleicht sitzt z.B. der Fokus nicht genau da wo er soll, das Bild ist aber trotzdem aus anderen Gründen zu schade um zu löschen. Da kann dann ein gut gewählter Effekt für mehr Toleranz beim Betrachter sorgen.
  • Die Bildästhetik: Manche meiner Fotografien mache ich weil sie bei mir in der Situation ein bestimmtes Gefühl ausgelöst haben das sich mit einer gezielten Bearbeitung noch betonen lässt und das mag auch mal bedeuten, dass ich z.B. den Bildeindruck einer bestimmten Zeit oder Bearbeitungmode nachempfinde.
  • Nochmal Ästhetik: Manchmal gehts einfach um den Effekt selbst. Wer das abstreitet hat noch nie eine minimalistische Hochkontrastaufnahme gemacht oder einen Himmel wärmer oder blauer gemacht 😉
Nein, damals gab es in Frankfurt noch keine Hochhäuser.
  • Ok, vereinzelt gibt es auch Bilder in denen einfach nur der Spieltrieb mit mir durchgeht 😉

Dann gibt es aber noch einen Aspekt: Rahmen.

Die spielen neben der Bearbeitung noch eine zusätzliche Rolle. Selbst wenn mein Rahmen nur ein simpler weißer Rand sein mag so ist er doch erstaunlich mächtig. Rahmen sind abgrenzend und definieren wie eine Betrachter:in das Bild einordnet. Wir sehen Bilder ja nicht von der Mitte nach außen sondern “begegnen” ihnen von einer Seite her. Der Rand setzt eine Erwartungshaltung und ist eventuell schon das erste Element der späteren Bildaussage.

Deswegen packe ich z.B. besonders auf Bilder die eine deutlich erkennbare Anlehnung an analoge Zeiten haben auch gerne einen analog aussehenden Rahmen. Aber das ist längst nicht der einzige Anlass für so eine Bearbeitung.

Eine minimalistische Fine-Art Aufnahme wirkt gleich viel kraftvoller wenn sie von einem feinen Strich “eingerahmt” ist. Wir alle kennen auch den Polaroid-Look: eine quadratische Aufnahme eingebettet in einen weißen Rahmen sieht einfach anders aus als ein rahmenloses Bild. Wir haben sofort eine Bilderwartung und eine feine minimalistische Monochrom-Komposition würde uns im Polaroid-Fall dann doch eher überraschen.

Psychologisch grenzt so ein Rahmen außerdem – egal ob gleichmäßig, ungleichmäßig oder stilistisch ausgearbeitet – das Bild “innen” von der Umgebung “außen” ab. Manchmal diktiert das Bild den Rahmen, manchmal der Zweck den ich vorgesehen habe, immer aber setze ich Rahmen ganz bewusst um eine Wirkung zu erreichen.

Hier wollte ich verhindern, dass die recht unregelmäßige Wasseroberfläche mit einer harten Kante abschließt. Der Effekt ist subtil aber trotzdem deutlich. Wer nicht darauf hingewiesen wird nimmt es vermutlich gar nicht bewusst wahr obwohl es den Bildeindruck verändert.
Zum Vergleich mit harter Kante.

Hinzu kommt noch: Rahmenlose Bilder gibt es nicht. Es gibt nur Bilder bei denen der Rahmen von anderen als dem Fotograf bzw. der Fotografin gesetzt wird. Wer sein Bild etwa im Internet veröffentlicht akzeptiert das spätestens das Browserfenster, meist aber schon vorher Instagram oder Facebook den Rahmen setzt…)

Fazit

Wer sich mit Fotografie ausdrückt macht sich selten nur Gedanken um die Aufnahme sondern meist auch über Aspekte wie Bearbeitung, spätere Verwendung, Bildwirkung etc.
Filmsimulationen, Effekte oder gar Rahmen werden da dann gerne mal als unnötiges Gimmick abgetan sind aber nichts anderes als eine weitere Möglichkeit im modernen Bearbeitungsarsenal. Auch Anleihen an eine analoge, chemischere Fotografie fangen schon viel früher an als viele meinen. Rümpfen manche über analog aussehende Filmrahmen die Nase vergessen sie gerne, dass schon eine Schwarz-Weiß Aufnahme eigentlich an eine Zeit erinnert in der es noch keine Farbfotografie gab.

So oder so lohnt sich die Beschäftigung mit diesen Möglichkeiten und selbst wenn man bestimmte Gestaltungselemente ausspart hilft es sich die Gründe und Wirkungen vor Augen zu führen.